"Eine Kreativitätsförderung, die bei der
individuellen Denkfähigkeit ansetzt, ist noch
selten"
Abstract:
1.) Die meisten Unternehmen versuchen, die Kreativität
ihrer Mitarbeiter durch bestmögliche Arbeitsbedingungen zu
fördern. In den schöpferischen Prozeß auf der kognitiven
Ebene wird hingegen nicht eingedrungen.
2.) Dementsprechend werden die meisten Leistungen in
Betrieben nach wie vor von Einzelpersonen erbracht. Im Team
podenzieren sich die Leistungen natürlich. Umgekehrt
bedeutet das aber auch, daß in Gruppensituationen Freiräume
wichtig sind.
3.) Kreativ-Techniken können bei der Schaffung eines
förderlichen Innovationsklimas behilflich sein.
4.) In der SIL-Methode werden beispielsweise Einzel- und
Teamarbeit miteinander verknüpft. Individuelle Lösungen
werden erarbeitet und dann im Team auf Stärken und
Schwächen untersucht.
5.) Erfolge sollten jedoch nicht zu stark mit Methoden in
Verbindung gebracht werden. Es hängt vor allem davon ab,
wie man die produzierten Ideen nutzt.
zum Thema: Herr Dr. Schlicksupp, Sie
befassen sich seit Jahrzehnten mit der Frage, wie sich
Kreativität in Unternehmen fördern läßt. In der
anbrechenden Wissensgesellschaft hat diese Frage nun wohl
eine gewisse Dringlichkeit und Aktualität bekommen, die sie
vor zwanzig Jahren in dieser Form noch nicht hatte: Immer
häufiger versuchen Unternehmen Arbeitsbedingungen zu
schaffen, die sich kreativitätsfördernd auswirken - so
behaupten die Unternehmer zumindest.
Wie sieht denn nun die Realität in den Unternehmen aus:
Wird Kreativität überhaupt schon als ein Phänomen gesehen,
das man wenigstens ansatzweise formalisieren kann und für
das es dementsprechend technische Lösungen oder zumindest
technische Hilfsmittel gibt? Oder regiert noch immer die
alte Vorstellung, daß Kreativität irgendwie in einem
genialen Schöpfungsakt aus dem Nichts kommt
Helmut Schlicksupp: Ich fürchte, es gibt
keine Antwort, die für alle Situationen richtig ist, da
verschiedene Einstellungen, Haltungen, Bedingungen und
Sichtweisen in den Unternehmen nebeneinander existieren.
Kreativität kann in den einzelnen Unternehmenskulturen
recht unterschiedliche Stellenwerte einnehmen und wird
dementsprechend verschieden gehandhabt und gefördert. Wenn
wir in die Vergangenheit zurückschauen und einzelne
Branchen betrachten, dann waren Unternehmen, die
Konsumgüter produzieren und wegen der relativ hohen
Innovationsrate sich unter einem größeren Druck zu
Neuerungen befanden, für das Phänomen Kreativität, für die
Förderung systematischer Ideenfindung aufgeschlossener als
andere, wie etwa Energieversorger, Versicherungen oder
Banken. In solchen Unternehmen herrschte eher die
Auffassung vor, daß die vorhandenen Lösungen auch
erfolgreich in die Zukunft tragen würden. Inzwischen hat
sich das sicherlich geändert, vor allem unter dem Druck der
neuen Kommunikationstechnologien. Was sich gegenwärtig
alleine im Bereich der Internet-Nutzung abspielt, das ist
schon atemberaubend.
Im Hinblick auf Kreativitätsförderung muß man sich auch
klar darüber sein, daß hierauf so viele verschiedene
Faktoren einwirken, daß wir uns tagelang darüber
unterhalten könnten.
Um eine gewisse Vorstellung darüber zu erhalten: Stellen
Sie sich gedanklich eine Matrix vor, in deren linker Spalte
jene drei grundsätzlichen Anforderungen stehen, die erfüllt
sein müssen, wenn man eine Tätigkeit erfolgreich
absolvieren will: Man muß es WOLLEN, man muß es DÜRFEN und
man muß es KÖNNEN. In die Kopfzeile schreiben wir jene zwei
Bereiche, aus welchen Einflußfaktoren wirken. Es ist dies
die Person selbst und zum anderen die Umgebung, das
"Von-außen". Die inneren, in der Person selbst liegenden,
sowie die äußeren Einflußfaktoren können nun wiederum
zweierlei Wirkrichtungen haben: Sie können einen Prozeß
entweder behindern oder fördern. Damit haben wir eine
Matrix von zwölf Feldern, und jedes dieser Felder
beinhaltet eine enorme Komplexität. Bezüglich
Kreativitätsförderung operieren die meisten Unternehmen im
Feld "Das Können wird durch äußere Faktoren unterstützt".
Andere Felder, wie zum Beispiel "Das Wollen wird durch
innere Faktoren blockiert" oder "Das Können wird durch
innere Faktoren unterstützt" werden vergleichsweise
vernachlässigt. Maßnahmen zur persönlichen
Kreativitätsentwicklung sind übrigens schwerpunktlich in
diesem zuletzt genannten Feld anzusiedeln.
zum Thema: Was heißt das nun für die
unternehmerische Praxis?
Helmut Schlicksupp: Die meisten
Unternehmen versuchen, die kreativen Potentiale ihrer
Mitarbeiter dadurch zur Entfaltung kommen zu lassen, daß
sie ihnen bestmögliche Arbeitsbedingungen und Vorrichtungen
zur Verfügung stellen. Auf der Ebene der Hardware-Tools,
prozeßerleichternder Software und der Gestaltung des
Umfeldes wird eine Menge getan. Aber man dringt in
schöpferische Prozesse auf der kognitiven Ebene nicht ein.
Wahrscheinlich wegen der noch weitgehend verbreiteten
Einstellung, daß man die Kreativität eines Menschen nicht
signifikant entwickeln könnte. Wobei viele Menschen
zusätzlich eine innere Barriere gegen die Einschätzung
aufbauen, ihre aktuelle kreative Leistungsfähigkeit sei
steigerungsbedürftig. Die Aufforderung, ein besserer Denker
zu werden, kratzt viele Menschen doch recht am
Selbstwertgefühl. Während man sehr bereitwillig in die
körperliche Fitness investiert, ist man bei Fragen der
Entwicklung der geistigen Fitness sehr viel
zurückhaltender.
Freilich legt man neben der Gestaltung eines geeigneten
Umfeldes auch zunehmend mehr Wert auf die Schaffung
förderlicher Kooperationsbedingungen, die dem kreativen
Denken möglichst großen Freiraum geben sollen. Prototypisch
dafür ist die Anwendung der Brainstorming-Regeln und das
Arbeiten mit Pinwänden und Kärtchen. Aber wir dürfen nicht
verkennen, daß dabei keinerlei persönliche
Kreativitätsentwicklung auf der Ebene der Denkfähigkeit
stattfindet. Und gerade das sollten wir anstreben. Wir
brauchen in den innovativen Schlüsselbereichen der
Wirtschaft Persönlichkeiten mit hochentwickelter
Kreativität. Und in dieser Beziehung werden die Unternehmen
dazu übergehen müssen, die Versäumnisse unserer
Bildungseinrichtungen auszugleichen. Unsere Hochschulen
produzieren zwar einigermaßen kluge Absolventen, aber keine
kreativen. Man kann zwar versuchen, ein notwendiges Niveau
an kreativer Leistungsfähigkeit durch gezielte
Personalakquisition zu erreichen, aber es ist fraglich, ob
dies in notwendiger Weise gelingen kann.
zum Thema: Sie haben die nächste Frage
schon ein bißchen vorweggenommen. Es geht also in den
Unternehmen weniger um die individuelle
Kreativitätsförderung, als vielmehr darum, Bedingungen zu
schaffen, damit sich so etwas wie eine Gruppenkreativität
oder das bessere Zusammenspiel von Einzelkreativitäten
ergibt. Kann man das so sehen?
Helmut Schlicksupp: Das ist richtig. Wenn
besondere Kreativität gefordert wird, denkt man in den
Unternehmen überwiegend an Teamarbeit. Natürlich kann man
unter geeigneten Bedingungen und Spielregeln zu kreativen
Ergebnissen gelangen, die das übertreffen, was der beste
einzelne im Team hätte erbringen können. Aber wir dürfen
nicht vergessen, daß die meisten Leistungen in den
Unternehmen nach wie vor von Einzelpersonen erstellt
werden. Wir brauchen also hochkreative Individuen. Davon
abgesehen: Wenn wir diese in Teams zusammenbringen, dann
wird sich deren Leistung erst recht potenzieren.
zum Thema: Heißt Gruppenkreativität, daß
es um echte Gruppen geht, daß sozusagen die Gesamtgruppe
kreativ werden soll, oder daß die Einzelkreativitäten der
einzelnen Gruppenmitglieder gefördert werden sollen?
Helmut Schlicksupp: Wie gesagt:
Kreativitätsentfaltung in den Unternehmen ist heute mehr
oder weniger ein Gruppenereignis. Man erhofft sich eine
Steigerung des kreativen Ergebnisses durch eine Belebung
der Assoziationstätigkeit, durch die Lenkung fachlich sehr
verschiedenartigen Wissens auf das Problem, wobei durch
wechselseitiges Aufgreifen von Ideen, durch Verbinden und
Kombinieren Ideen entstehen können, zu welchen jeder
einzelne im Team nie gekommen wäre. Manchmal klappt das
auch ganz gut. Aber in vielen Fällen werden nur Dinge aus
den Köpfen ausgespeichert. Man hat dann zwar viele Ideen
eingesammelt, aber wenn man sich diese genauer anschaut,
dann kannte man 99% bereits, das heißt, die kreative
Neuschöpfung in diesen Prozessen ist relativ spärlich. Das
liegt aber in erster Linie daran, daß sich die Art des
Denkens in den Köpfen nicht signifikant alleine durch die
Tatsache ändert, daß man aus mehreren ein Team bildet.
Oder um ihre Frage anders zu beantworten: Die
Gruppensituationen sollen zwar Freiräume schaffen, in
welchen jeder Beteiligte seine kreativen Potentiale
möglichst ungehindert entfalten kann, aber eine Entwicklung
der persönlichen Leistungsfähigkeit des Einzelnen wird
dadurch nicht explizit angestrebt - und auch nicht
erreicht.
zum Thema: Können wir vielleicht ein
bißchen bei diesem Thema bleiben und generell über
Strategien zur Förderung von Kreativität in der Praxis
sprechen: Welche ersten Schritte muß man denn setzen? Wie
bringt man denn einen Innovationsprozeß oder zumindest
einen Prozeß, in dem Ideen generiert werden, in Gang? Was
könnte beispielsweise eine kleinere Firma machen, wenn sie
eine Ideengenerierung in der Gruppe forcieren will?
Helmut Schlicksupp: Dies läßt sich in
wenigen Sätzen kaum beantworten, zumal die
Ausgangsbedingungen recht unterschiedlich sein können. Die
Gestaltung des Innovationsgeschehens in den Unternehmen hat
- im Hinblick auf Ziele und Strategien - eine ausgeprägte
manageriale Komponente, in die der kreative Mitarbeiter nur
selten hineinwirken kann. Der Aufbau eines förderlichen
Innovationsklimas hingegen sollte zu den vornehmsten
Aufgaben aller Führungskräfte gehören, ebenso wie die
Erzeugung kreativer Leistungsbereitschaft bei den geführten
Mitarbeitern. Dass dabei heute noch wesentlich mehr
demotiviert als motiviert wird, wollen wir hier nicht
weiter ausleuchten.
Im engeren Sinne erfordert Ihre Frage die gründliche
Kenntnis eines einigermaßen breiten Spektrums an
Kreativitätstechniken, Erfahrungen in der Planung und
Durchführung von Ideenfindungs-Workshops, die
Übereinstimmung aller Beteiligten in kreativitätsfördernden
Verhaltensregeln und die Mitwirkung
katalytisch-einfühlsamer Moderatoren. Ich würde dieser
kleineren Firma auf jeden Fall raten, zumindest in der
Anfangsphase die Unterstützung externer Experten zu suchen,
deren Erfahrung sich nicht nur auf den Prozeß kreativer
Ideenfindung beschränkt, sondern auf Innovationsprozesse
von der Zielfindung bis zur Auswahl und Realisierung von
Projektideen.
zum Thema: Es gibt einzelne Methoden, die im
Rahmen solcher Workshops angewendet werden. Sie haben
einige solche Methoden entwickelt, ich denke an die TILMAG-
oder die SIL-Methode. Können Sie diese Methoden
beschreiben?
Helmut Schlicksupp: Wenn wir bedenken, daß
es mehrere Dutzend recht praktikabler Methoden zur
Ideenfindung bzw. Kreativitätstechniken gibt, dann kann ich
das gesamte Instrumentarium hier natürlich nicht
anskizzieren. Einige charakteristische Anwendungsmerkmale
von SIL- und TILMAG-Methode nenne ich gerne, auch wenn die
Kürze der Beschreibungen für potentielle Anwender eher
verwirrend als hilfreich sein mag.
Die SIL-Methode ist eine Verbindung von Einzel- mit
Teamarbeit, wobei das Team sechs bis sieben Personen
umfassen sollte. Zu Beginn erbarbeitet jeder Teilnehmer zum
gestellten Problem individuell eine Lösung. Dann trägt
Teilnehmer 1 seine Alternative vor und das Team versucht,
die besonderen Stärken oder Vorzüge dieser Lösung
herauszuarbeiten. Dasselbe geschieht mit der Idee von
Teilnehmer 2. Anschließend wird überlegt, ob sich aus den
Ideen von 1 und 2 eine kombinierte Lösung bilden läßt, die
die Vorzüge von beiden verbindet. Mit Idee 3 wird analog
verfahren, bis alle Ideen aller Teilnehmer vorgetragen und
auf sinnvolle Kombinationsmöglichkeiten mit jeweils anderen
Ideen untersucht worden sind. Die Bezeichnung von SIL steht
übrigens für "Systematische Integration von
Lösungselementen" und will diesen Prozeß ausdrücken, der
auf eine konsequentere Erzeugung von Synergie abzielt, als
dies üblicherweise bei einem Brainstorming geschieht.
Auch TILMAG ist ein Akronym und bedeutet "Transformation
idealer Lösungselemente in Matrizen für Assozationen und
Gemeinsamkeiten", wobei die Vorgehensweise durchaus nicht
so kompliziert ist, wie diese Beschreibung vermuten läßt.
Die TILMAG-Methode können wir zu den "synektischen"
Methoden zählen, deren gemeinsames Ziel - sehr vereinfacht
ausgedrückt - darin besteht, fachfremdes Wissen in den
kreativen Prozeß einzuspielen, wodurch Lösungsanregungen
entstehen können, auf die man einfach nicht gekommen wäre,
wenn man sich gedanklich - wie es beim Ideenfinden oft
üblich ist - aus dem Fachgebiet nicht entfernt hätte.
Der erste Schritt der TILMAG-Anwendung besteht darin, daß
man jene Soll-Funktionen und Soll-Eigenschaften definiert,
die Lösungen idealerweise haben sollten, um das gesetzte
Ziel vollständig zu erreichen. Diese "idealen
Lösungselemente" werden dann - in einer Matrix organisiert
- paarweise kombiniert, wobei jede Kombination sozusagen
als Abschußrampe zur Bildung von Assoziationen dient. Die
so gefundenen Assoziationen werden anschließend darauf hin
untersucht, ob sie zu Ideen bzw. Lösungsansätzen Anregungen
geben können. Wegen der quasi-logischen Verbindung zwischen
den idealen Lösungselementen und den erzeugten
Assoziationen ist dies nahezu immer der Fall.
zum Thema: Welche Methode bevorzugen sie
selbst? Was würden Sie als die erfolgreichste Methode
betrachten? Könnten Sie diese grob beschreiben?
Helmut Schlicksupp: Eines vorweg: Die
"ideale" Methode gibt es nicht. Sonst könnte man sich auf
diese beschränken und auf alle anderen verzichten. Die
Frage nach einer im jeweiligen Fall gut geeigneten Methode
muß aus wenigstens zwei Blickwinkeln beantwortet werden.
Zum einen ist die Anwendungssituation zu beachten, das
heißt, die Zahl der Teilnehmer, deren Erfahrungen in
Kreativitätstechniken, die verfügbare Zeit oder das
Vorhandensein bestimmter Arbeitsmittel. Der andere Aspekt
betrifft das zu behandelnde Problem. Ist es komplexer oder
sehr abgegrenzter Natur, kann man erwarten, brauchbare
Lösungen im modifizierten Stand der Technik zu finden, oder
sind hochoriginelle Ideen erwünscht. Im Zweifel würde ich
jene Methode vorziehen, die den situativen Gegebenheiten
besser entspricht. Denn wenn man gegen diese verstößt, dann
kann der Ideenfindungsprozeß sehr schnell auf Grund laufen.
Aber um Ihre Frage zumindest teilweise zu beantworten: Zu
meinen Favoriten zählen sowohl die erwähnte TILMAG-Methode
als auch das Imaginäre Brainstorming. Bei dieser Methode
wird das gegebene Real-Problem in ein fiktives, imaginäres
Problem verfremdet, das man dann nach den
Brainstorming-Regeln bearbeitet und sich dann fragt, ob die
gefundenen "imaginären Ideen" entweder direkt auf das
Real-Problem übertragen werden können oder hierzu
Anregungen auslösen. Das Imaginäre Brainstorming ist eine
ausgezeichnete Hilfe, um sich aus gewohnten Denkmustern zu
befreien.
Für äußerst bedeutsam halte ich auch die Methode der
"Heuristischen Umformulierung", die in der Vorstufe der
Ideenfindung, der Problemdefinition, anzuwenden ist. Der
besondere Nutzen liegt darin, daß die "richtige"
Problemdefinition sozusagen bereits eine Lösungsqualität
enthält. Mit der Heuristischen Umformulierung sollen
möglichst viele Problemdefinitionen erzeugt werden, unter
welchen man zur Ideenfindung dann jene auswählt, die Zugang
zu den elegantesten Lösungen verspricht. Um das Gemeinte
wenigstens kurz anzudeuten: Wenn die
Eingangs-Problemformulierung darin besteht "Wie kann man
ein Kind davon abhalten, übermäßig viel Fernsehen zu
konsumieren?", dann sind Umformulierungen zum Beispiel:
"Wie kann man erreichen, daß das Kind gar nicht fernsehen
will?", "Wie kann man erreichen, daß das Kind nur
beschränkten Zugang zu Fernsehprogrammen hat?" oder "Wie
kann man erreichen, daß dem Kind Fernsehkonsum nicht
schadet?" Solche Umformulierungen können sehr hilfreich
sein, um starre, gewohnte Sichtweisen zu wechseln und
innovative Lösungswege zu finden. In diesem Sinne ist die
Definition des richtigen Problems - oder allgemeiner: die
Phase der Problemanalyse - in den Unternehmen noch immer
ein Schwachpunkt, der das Auffinden kreativer Ideen enorm
blockieren kann.
Doch welche Methode man auch immer anwendet: Wir dürfen den
erzielten oder erzielbaren Erfolg nicht so sehr auf die
Methode selbst zurückführen. Denn genauso entscheidend wie
der Denkmechanismus, zu dessen Ausübung uns die Methode
auffordert, ist die Art und Weise, wie wir ihn schließlich
benutzen, wie schlicht oder virtuos wir damit umgehen. Der
Vergleich hinkt sicherlich, aber in gewisser Weise verhält
sich eine Denkmethode im kreativen Prozeß eher wie der
Pinsel zum Maler. Natürlich braucht der Maler einen
tauglichen Pinsel, aber dieser kann die führende Hand nicht
ersetzen, er kann das Bild nicht von sich aus erzeugen.
Genauso wenig kann eine Kreativitätstechnik unseren Kopf
ersetzen. Motivation, Wissen, Einstellung, Erfahrung im
Umgang mit einer Methode - das alles beeinflußt den
erzielbaren Erfolg.
zum Thema: D.h. diese Methoden sind eben
wirklich Methoden, sie greifen in den Bereich des
sprachlichen Denkens ein und können dort etwas bewirken,
aber dieser sprachliche Aspekt ist eben nur eine Dimension
der Kreativität. Es gibt zugleich Bereiche des Unbewußten,
die diese Methoden nur als Impuls erreichen können.
Kreativität hat eine logische Dimension, in der es um
Sprache, Begriffe, Analogiebildungen geht, und die Methoden
sprechen nur diese eine Dimension an....
Helmut Schlicksupp: Wenn wir als kreativen
Prozeß einen Schaffensprozeß verstehen, an dessen Ende für
ein Unternehmen ein realisiertes, wertvolles Ergebnis
steht, dann müssen in diesen Prozeß ebenso logische,
schlußfolgernde - "intelligente" Qualitäten einfließen.
Betrachten wir den Prozeß der Ideengenerierung abgegrenzt
für sich, dann können verschiedene Methoden sowohl logische
als auch alogische Denkprozesse ansprechen. Man kann zu
neuen Ergebnissen durchaus auf ziemlich systematische Weise
gelangen. Die Anwendung der Morphologischen Analyse bzw.
des Morphologischen Kastens macht dies deutlich.
Wenn man einen logischen Prozeß so definiert, daß er
zwingend zu einem bestimmten Ergebnis führt, dann würde ich
die Bildung von Analogien als "halblogischen" Denkschritt
bezeichnen. Denn wenn man Menschen auffordert, zu einem
bestimmten Sachverhalt Analogien zu bilden, dann werden
diese zueinander möglicherweise ziemlich ähnlich, aber
keineswegs identisch sein.
zum Thema: Gibt es heute nicht den
Trugschluß, daß Kreativität nur diese logische Seite hat?
Ich habe bei der Vorbereitung dieser "zum Thema:"-Ausgabe
oft den Eindruck gehabt, daß dem so ist. Man hat entdeckt,
daß man die logische Seite der Kreativität fördern kann -
und dementsprechend ist Kreativität heute ganz einfach.
Liegt die Idee von der "einfachen Kreativität" nicht im
Trend?
Helmut Schlicksupp: Die meisten Menschen
haben den Wunsch nach gesetzmäßigen Erklärungen, in gleich
welchen Sachverhalten, und unsere Urteile über die
fachliche Qualifikation eines Menschen werden sehr stark
von jenem Ausmaß an Ratio, Vernunft, Logik - kurzum: von
intelligenztypischen Denkoperationen - geprägt, das er
äußert. Wir lassen kaum etwas gelten, was nicht geprüft,
bewiesen oder schlüssig nachvollzogen werden kann. Und
nichts ist für einen Experten schlimmer, als dumm oder
alogisch zu gelten, indem er beispielsweise die in einem
bestimmten Bereich herrschenden Gesetzmäßigkeiten verkennt.
Der rationale Verstand sucht immer die logische Brücke von
dem, was ist, zu dem, was sein soll. Die Ausbildung unseres
Denkens, die allgemein anerkannten Kriterien
wissenschaftlicher Exaktheit, führen zu einer Überbetonung
des Intellekts, der selbst Empfindungen und Gefühlen keinen
Platz mehr läßt. So darf es nicht verwundern, daß
kreativitätsspezifische Denkmechanismen, wie das
spielerische Probieren, das Erfühlen durch
Sich-Hineinversetzen, die Bildung symbolischer Analogien
oder die freie Erzeugung von Vorstellungsbildern nicht nur
als suspekt gelten, sondern zuweilen geradezu als
Beleidigung der Intelligenz. Diese geistigen Grundprägungen
sind wesentlich dafür verantwortlich, daß wir uns logische
Erfindungstechniken wünschen.
Gewiß - manche Ideen für neue Gebilde und Lösungen können
mit einem gewissen Grad an Schlußfolgerung erzeugt werden.
Aber man möge eimal versuchen, mit den Werkzeugen der Logik
etwas annähernd Ähnliches wie Faust II zu entwerfen. Hier
schöpft der Geist vornehmlich aus anderen Quellen. Das ist
bei vielen technischen Erfindungen nicht anders.
Und wenn wir einen Blick auf die Innovationspraxis werfen,
dann erkennen wir recht schnell, daß es in den Unternehmen
zwar schrecklich viele logisch-hochqualifizierte Menschen
gibt, aber nur herzlich wenige, die substantielle
Neuerungen hervorbringen. Der Wunsch nach einfacher,
logischer Kreativität mag deshalb im Trend - weil in
unserer Neigung - liegen, wird sich aber niemals völlig
einlösen lassen.
zum Thema: Würden Sie meinen, daß aufgrund
von Strategien wie Mind-mapping auch eine gewisse Gefahr
von "Schnellschüssen" besteht? Geschwind werden ein paar
bekannte Idee verknüpft oder rekombiniert - und schon meint
man, eine neue Idee zu haben. Gehört jedoch zu einer neuen
Idee nicht auch dazu, daß sie für den Kontext, für den sie
geschaffen wird, tatsächlich einen Neuwert hat?
Helmut Schlicksupp: Wenn man den Wert
einer neuen Idee bemessen will, dann läßt sich dies nicht
an einer bestimmten Erfindungshöhe festmachen. Ein
Werbegeschenk kann alleine einer gewissen Absurdität wegen
bei einem bestimmten Publikum viel Akzeptanz finden und
seinem Hersteller den gewünschten wirtschaftlichen Erfolg
bringen. Wenn man Navigationssysteme oder Druckmaschinen
entwickeln will, dann reicht das Kriterium der Originalität
alleine für innovative Lösungen allerdings nicht mehr aus.
Da das Prädikat "kreativ" als persönliche Fähigkeit heute
einen bestimmten Stellenwert erreicht hat und da viele
Menschen als kreativ gelten möchten, hat sich jedoch eine
gewisse Tendenz entwickelt, ein Ergebnis bereits dann als
kreativ zu bezeichnen, wenn es vom Vorhandenen abweicht,
wenn es in irgendeinem Aspekt neu oder anders ist, ohne daß
man Sinn und Zweck der Abweichung in besonderer Weise
hinterfragt. Diese Einstellung begünstigt tatsächlich so
eine Art Micky-Maus-Kreativität, ein kreatives
Dünnbrett-Bohren.
Ich möchte keine Denkmethode - auch nicht das Mind-Mapping
- dafür verantwortlich machen, daß sie eventuell der Anlaß
für kreative Schnell- und Flachschüsse ist. Jedes Werkzeug
ist auf seine Weise brauchbar, und ich sagte schon, daß
alleine entscheidend ist, wie man damit umgeht. Es besteht
zweifellos die Gefahr, daß diese Werkzeuge in Mißkredit
gebracht werden, wenn man so unbekümmert mit ihnen umgeht,
daß nur Banalitäten produziert werden.
Ferner dürfen wir bei allem nicht vergessen: Die
Weiterentwicklung von Kreativität mit Hilfe von
Kreativitätstechniken kann niemals im Hau-Ruck-Verfahren
erfolgen, sondern bedarf - wie auch bei sportlichen
Leistungen - der intensiven Zuwendung und dem Gewinnen von
Erfahrung durch Anwendung. Je mehr wir uns
Herausforderungen stellen, deren Bewältigung angewandte
Kreativität verlangt, desto kreativer werden wir. Um eine
Analogie zum Sport zu bilden: Wer dreimal im Jahr eine
Stunde auf den Tennisplatz geht, wird auch nach 20 Jahren
immer noch so kläglich spielen wie zu Beginn.
Doch dieser Lern- und Trainingsbedarf beim Umgang mit
Denktechniken wird noch zu oft verkannt. Gerade im Hinblick
auf diese Methoden gilt häufig die Einstellung: Entweder
ich kann es gleich - oder die Methode taugt nichts. Also
werden Methoden bevorzugt, die man gleich beherrschen kann,
die dafür aber nur von geringer Wirkung sind. Es ist
wirklich bedauerlich: Obwohl die Anwendung von
Kreativitätstechniken im deutschen Sprachraum seit etwa
dreißig Jahren diskutiert wird, sind die leistungsfähigeren
Instrumente in vielen Unternehmen noch so gut wie
unbekannt.
zum Thema: Dr. Schlicksupp, wir danken
Ihnen für das Gespräch!